Digitalisierung als Bedrohung – Digitalisierung als Chance

In der Science Fiction begegnet man dem Szenario immer wieder: Maschinen überflügeln die Menschen punkto Intelligenz und erlangen ein eigenes Bewusstsein. Oft hat das zur Folge, dass ein Krieg zwischen Maschinen und Menschen ausbricht – mit schlechten Karten für letztere (z.B. Terminator, Battlestar Galactica, Matrix). Andreas Brandhorst hat in einigen seiner Romane (u.a. Das Kosomotop) einen Gegenentwurf geschaffen. Dort gibt es Supercomputer in gewaltiger Grösse, die durch das All schweben und eigenständig handeln – Magister oder Koryphäen genannt. Für sie wäre es ein Leichtes, die Menschheit zu vernichten, sie kooperieren aber mit ihr und mit zahlreichen anderen Zivilisationen. Das gebietet ihnen der Respekt vor ihren Erschaffern.

Wie sieht es nun aber in der Realität mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine aus? Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist aktuell ein heiss debattiertes Thema. Sie dürfte zu tiefgreifenden Veränderungen führen – mit Chancen und Gefahren. Klar ist, dass Routinearbeiten zunehmend von Robotern erledigt werden. Jobs, für die eine geringere Qualifikation ausreicht, sind besonders gefährdet. Sollten sich beispielsweise selbstfahrende Fahrzeuge durchsetzen – was wohl nur eine Frage der Zeit ist – verschwinden abertausende Arbeitsplätze für Taxifahrer und Lastwagenchauffeure. Was wird aus diesen Menschen? Selbstverständlich können Aus- und Weiterbildung verbessert werden und der eine oder andere kann den Sprung in eine anspruchsvollere Tätigkeit schaffen. Aber es wird auch in Zukunft geringer qualifizierte und weniger leistungsfähige Personen geben, die ein Auskommen suchen. Ein Teil der Asylsuchenden, die aufgrund der Kriege in Syrien und anderswo in grösseren Zahlen nach Europa kommen, ist ebenfalls auf eine „einfache“ Arbeit angewiesen, da sie erst unsere Sprache lernen müssen und in einem völlig anderen Schul- und Arbeitsumfeld aufgewachsen sind.

Dass einfache Tätigkeiten wegrationalisiert werden, leuchtet ein. Intelligente Maschinen können zukünftig aber auch hochqualifizierte und gut bezahlte Berufsleute arbeitslos machen. Ein Roboter kann bereits heute der perfekte Assistent für Rechtsanwälte oder Ärzte sein. Sie greifen auf das in Datenbanken gesammelte Wissen von unzähligen Experten zu. Da kann ein einzelner Anwalt oder Arzt auch mit längerer Berufserfahrung mit nicht mithalten. Aus dem Assistenten kann ein Konkurrent werden. Pessimisten sagen „technologische Arbeitslosigkeit“ und die Schrumpfung des Mittelstandes voraus.

Optimisten dagegen sagen, dass uns Maschinen von langweiligen Routinearbeiten befreien und sich die menschliche Arbeit vermehrt auf kreative Prozesse fokussieren wird. Tätigkeitsfelder werden verschwinden, dafür aber neue entstehen. In bestimmten Situationen sitzen Menschen auch lieber einem Menschen gegenüber. Auch wenn die intelligente Maschine einen Rechtsfall aufgrund der grossen Masse an Wissen, auf die sie in Sekundenschnelle zugreifen kann, perfekt einschätzen kann, dürfte der menschliche Rechtsanwalt vor Gericht noch immer das überzeugendere Plädoyer abliefern. Optimistisch stimmt auch, dass die zwei Länder mit der höchsten Dichte an Industrierobotern– Japan und Südkorea – im internationalen Vergleich eine tiefe Arbeitslosenquote aufweisen. In Deutschland gab es noch nie so viele Erwerbtätige wie heute, trotz weit fortgeschrittener Automatisierung.

Das „Ende der Arbeit“ wurde schon mehrmals vorausgesagt. Ob es diesmal so weit kommt? Eine höhere Arbeitslosigkeit scheint zumindest möglich. Die Digitalisierung birgt also sozialen Zündstoff. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist es unabdingbar, dass allfällige nachteilige Effekte der Digitalisierung aufgefangen werden können. Gut möglich, dass das in der Schweiz vom Stimmvolk abgelehnte bedingungslose Grundeinkommen wieder aufs Tapet kommt. Diskutiert werden auch eine Maschinensteuer oder die Beteiligung der Arbeitenden an denjenigen Unternehmen, welche ihre Jobs bedrohen (Taxifahrer kaufen Uber-Aktien). Ist die finanzielle Frage gelöst, bleibt noch die Frage nach dem Lebensinhalt. Für viele Menschen ist die Arbeit nicht nur ein Broterwerb. Sie stiftet auch Sinn und schafft Ansehen. Kann ein Mensch ohne Arbeit ein sinnerfülltes Leben leben?

Intelligente Maschinen teilen ihr Wissen, lernen immer dazu und vergessen nichts. Fehler wiederholen sie nie. Mittlerweile gibt es auch kollaborativ arbeitende Maschinen. Der Mensch muss also keine Anweisungen mehr geben. Maschinen dürften vieles bald besser können als Menschen. Gewisse Berufe werden aber immer Menschen vorbehalten bleiben: Berufe, in denen Sozialkompetenz eine grosse Rolle spielt.

Zurück zur Science Fiction: Zu hoffen bleibt, dass Maschinen nie ein eigenes Bewusstsein erlangen und den Menschen als unnötigen Ballast oder gefährlichen Gegner ansehen werden. Intelligente Maschinen in den Händen von Menschen, die es nicht gut mit anderen Menschen meinen, sind schon ein genügend bedrohliches Szenario.

Mehr zum Thema:

Dettmer, Markus; Hesse, Martin; Jung, Alexander; Müller, Martin U. & Schulz, Thomas (2016): Mensch gegen Maschine. Der Spiegel, (36), S. 10-18.

Settele, Claude (03.11.2016): Dynamik der Digitalisierung. Die Wirtschaftswelt wappnet sich für den digitalen Umbruch. Neue Zürcher Zeitung. Link:
http://www.nzz.ch/wirtschaft/digital-business/dynamik-digitalisierung-wirtschaftswelt-digitalen-umbruch-ld.125627 [Stand 03.01.2017].

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