„Wir halten die „analoge Ignoranz“ für schädlich“ (Alois Hundertpfund)

Gestern konnte auch ich mich endlich meiner Vertiefungsrichtung der Unterrichtstage von anfangs Dezember widmen. Vorher schaffte ich es einfach nicht, deckt uns doch der Alltag mit seinen oft reissenden Angeboten des digital prägenden Lebens von morgens bis abends zu und lenkt uns ab. Wie Hundertpfund und Hartmann, die Autoren des Buches „Digitale Kompetenz – was die Schule dazu beitragen kann“ – und welchem ich diesen Blogeintrag widme – sagen, müssen wir uns von dieser Atmosphäre lösen und uns genügend Freiräume und Zeit für Langeweile schaffen, um kreatives Denken anzuregen, was in der heutigen Informationsgesellschaft so wichtig ist.


Im Buch werden zehn Kompetenzbereiche, welche in der Informationsgesellschaft stetig an Bedeutung gewinnen, erklärt. Es wird an praktischen Beispielen gezeigt, wie diese im Unterricht gefördert und gefestigt werden können. Das Buch soll Lehrpersonen darin bestärken, mit ihrem Potenzial auch unter veränderten Bedingungen gut unterrichten zu können. Toll, denke ich mir, denn im heutigen digitalen Dschungel ist dies für mich ein entgegenkommender Gedanke (auch wenn ich keine Lehrerin sondern Sozialpädagogin bin). Ich beschloss daher, mich beim Durchlesen auf das Kompetenzprofil einer digital kompetenten Lehrperson zu fokussieren. Ich habe es euch hier abgekürzt dargestellt:

Die moderne Lehrperson braucht umfassende Kenntnisse von Informationsdiensten im Internet, dabei muss sie den Fokus auf langlebiges Konzeptwissen legen, um mit den schnellen Veränderungen klarzukommen. Ebenfalls muss sie Reduktionsstrategien beherrschen, um die Fülle der Informationen zu bewältigen. Sie darf nicht in den Details eines Themas verhaftet bleiben, sondern stetig nach Analogien und Verallgemeinerungen Ausschau halten, um den heutigen Abstraktionen und Modellbildungen gerecht zu werden. Sie muss vermitteln, dass die Wirklichkeit hochdynamisch ist und sich die Umwelt ständig ändert. Die moderne Lehrperson muss über ein Basiswissen von digitalen Kommunikationsmöglichkeiten verfügen, wie auch den Mut besitzen, diese im Unterricht einzusetzen und zu thematisieren. Dazu gehören auch Formen der virtuellen Zusammenarbeit. Sie muss digitale Beobachtungsinstrumente kennen, um einen Blick in fremde Länder/Kulturen zu werfen. Dabei muss sie Offenheit und Mut für Fremdes/Neues und vor allem andere Sichtweisen mitbringen. Immer mehr Computer übernehmen Routinearbeiten. Eine Lehrperson muss diesen Veränderungen Rechnung tragen und die Kreativität und das produktive Denken fördern. Sie benötigt ein fundiertes Produkt- und Konzeptwissen über digitale Medien und computergestützte Werkzeuge und sie muss sich über den drohenden Verlust von Privatsphäre und der Selbstbestimmung bewusst sein. Dabei muss sie rechtliche Grundlagen kennen, sowohl jene zum Schutz der Persönlichkeit im Privatrecht, die Strafbestimmung des öffentlichen Rechts wie auch die Datenschutzgesetze. Sie stellt eine Vorbildfunktion der Selbstdarstellung in den Social Media dar und muss daher ihre eigene Rolle und ihren Auftritt immer wieder hinterfragen.

Die Autoren erwähnen, dass klassische Schulzimmer über kurz oder lang aufgehoben werden oder eine andere Funktion erhalten, denn informelles uns selbstbestimmtes Lernen ist in der heutigen Informationsgesellschaft gefragt. Ebenfalls wird kreatives und flexibles Denken vorausgesetzt, um in der Arbeitswelt bestehen zu können. Die Schule muss also allgemein ein paar Massstäbe überdenken, so wie beispielsweise die heutigen Formen der Leistungserbringung. Die modernen Lehrpersonen sollen Formen der Leistungsbeurteilung einführen, die z.B. Ergebnisse aus Gruppenarbeiten abdecken und den Lernweg oder das Dokumentieren eines Irrtums berücksichtigen. Portfolios und Projektdokumentationen sind Beispiele solcher Beurteilungsinstrumente, um die Kritikfähigkeit und die Flexibilität im Denken zu fördern. Standartisierte Tests und Einzelprüfungen haben dabei nichts mehr zu suchen. Lehrpersonen müssen zudem offen sein, dass Lernende sich Informationen über neue Medien von ausserhalb der Schule holen. Sie sollen von Lernenden lernen und sie so zu Mitproduzenten des Unterrichts machen. Schule darf nicht mehr so stark auf Wissensvermittlung aus sein, denn dies kontrastiert mit den neuen Kompetenzen, die in der heutigen Informationsgesellschaft gefragt sind. Will die Lehrperson das selbstbestimmte Lernen fördern, muss sie gezielt Fragestellungen und Probleme aufgreifen, die offen sind und nicht schon eine bestimmte Denkrichtung vorzeichnen. Ergebnisorientierter Unterricht hindert die Debatte und somit selbständiges Denken. Ein solcher Unterricht verlangt Offenheit und Mut, sich auf Neues und Unerwartetes einzulassen. Offener Unterricht bedingt eine hohe Fach- und Methodenkompetenz und eine sehr gute Vorbereitung.

Hundertpfund meint in einem Interview, dass der Unterricht heute oft nur technisch hochgerüstet wird und die Lehrpersonen meinen, damit die Herausforderungen der digitalen Welt angenommen zu haben. Nachdem ich das Kompetenzprofil einer digital kompetenten Lehrperson herausgefiltert habe, wird ersichtlich, dass es eine Haltungsänderung braucht. Die Lehrpersonen brauchen dabei den Mut, aktuelle Lehr- und Lernformen und vorherrschende Standpunkte zu kritisieren und so Veränderung anzustreben. Ich selber bin überzeugt davon, dass die Veränderungen, welche die Autoren im Buch erwähnen, ein richtiger Schritt in die Zukunft ist. Ich bin der Meinung, dass viel mehr Elemente, welche beispielsweise in der internen Sonderschule meiner Institution eingesetzt werden, mehr auch in Regelklassen zu nutzen gemacht werden sollen. Unser Unterricht bietet neben den üblichen Lern- und Lehrformen viel Raum für kreative Ideen und alternatives, individualisierendes Lernen. Diese Form der Unterrichtsgestaltung trägt den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen Rechnung. Voraussetzung dafür sind genügend Ressourcen, und wie es Hundertpfund sagt, ist dies die grösste Herausforderung, denn es wird an den Schulen und somit am Unterricht gespart. Dies kann auf die Dauer nicht gut gehen. Die schlimmste Last, die wir der Jugend aufbürden können, ist die Vernachlässigung der Bildung.

Für die Lehrpersonen unter uns: Ihr könnt nun selber entscheiden, ob euch die Anforderungen dieses Kompetenzprofils eher abschrecken oder ob es euch darin bestärkt, mit eurem Potenzial auch unter veränderten Bedingungen gut unterrichten zu können und Veränderungen anzustreben, wie es Hundertpfund und Hartmann mit ihrem Buch „Digitale Kompetenz – was die Schule dazu beitragen kann“ erreichen wollen.

Literatur: Hartmann, Werner & Hundertpfund, Alois. (2015). Digitale Demenz – was die Schule dazu beitragen kann. Bern: hep verlag ag.

Quelle: Educa.News. (2015). Interview mit Alois Hundertpfund – Digitale Kompetenz – Was die Schule dazu beitragen kann. Gefunden am  15.12.2016 unter https://news.educa.ch/de/digitale-kompetenz-schule-dazu-beitragen

 

 

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