Suchtgefahr oder neue Realität?

Vielerorts wird heutzutage diskutiert, ob das neue „Online-Sein“ ein Fluch oder ein Segen ist – eine Chance oder ein Risiko. Zugegeben kommen viele – die nicht der Generation Handy zugehören – auf den Schluss, dass viele Jugendliche Medien wohl übermässig konsumieren und der Eine oder die Andere bestimmt von einer Onlinesucht betroffen sein muss. An einer Fachtagung der Suchtfachstelle St.Gallen wurde dabei die Frage gestellt, ob tatsächlich eine erhöhte Suchtgefahr besteht – oder ist es die neue Realität? Was ist heute normal? Dies muss immer wieder von neuem überprüft werden, bevor so einige Jugendliche stigmatisierend in den Topf der Onlinesüchtigen geworfen werden.

Risikofaktoren für eine Onlinesucht sind familiäre, schulische, soziale Probleme sowie die persönliche Veranlagung. Ich arbeite in der Sozialen Arbeit im stationären Kontext mit verhaltensauffälligen und sonderbeschulten Kindern und Jugendlichen. Dabei sind sie von den eben genannten Faktoren multifaktoriell betroffen. Unsere Klientel ist also meiner Meinung nach stärker gefährdet als normalbegabte Kinder und Jugendliche. Dort, wo von einem überdurchschnittlichen Risiko einer Gefährdung ausgegangen wird, ist es speziell wichtig, differenziert hinzuschauen und genau zu analysieren, was die Qualität des Medienkonsums ist und ob von einer Onlinesucht gesprochen wird – bevor schnelle und unbedachte Schlüsse gezogen werden.

Wir hatten eine stiftungsinterne Weiterbildung zum Thema „pathologischer Internet- und Mediengebrauch“. Der vortragende Arzt bestätigte meine Haltung, dass unsere Klientel durch deren multifaktorielle Betroffenheit speziell gefährdet sei. Ebenfalls unterstreichte er, dass heute den Jugendlichen viel zu schnell der Stempel „onlinesüchtig“ aufgedrückt wird. Ausschlaggebend seien die 9 Diagnosekriterien, wovon 6 Punkte erfüllt sein müssen. Die Schwierigkeit hierbei ist es, dass einige Diagnosekriterien völlig normal im Jugendalter sind – und die Onlinesucht daher in der Adoleszenz schwer zu diagnostizieren ist. Auch erwähnte er, dass eine Onlinesucht immer eine Sekundärsucht ist – sie hat immer eine Funktion für etwas (familiäre Schwierigkeiten / traumatische Erlebnisse / schulische Probleme usw.). Diese Funktion gilt es unbedingt herauszufinden.

Der vortragende Arzt stellte weiter einen für mich im Berufsalltag sehr nützlichen Fragekatalog vor, welchen es in einer Institution abzuarbeiten gilt, wenn die Gedanken aufkommen, ein Kind könnte onlinesüchtig sein. Mit dessen Hilfe konnte ich bereits einschätzen, dass mein Bezugskind auf der Wohngruppe – er ist 12 Jahre alt – zwar einen zeitlich erhöhten Medienkonsum aufweist – dennoch aber meilenweit von einer Onlinesucht entfernt ist. Vielmehr hat sein Konsum einen engen Zusammenhang mit anderen Themen, welche ihn beschäftigen und zu seiner Biographie und seinem Charakter gehören. Spannend fand ich folgende Überlegungen: ist es nicht schon fast normal für Jungs mit Verhaltensauffälligkeiten, dass sie einen erhöhten Medienkonsum aufzeigen? Unterscheidet sich mein Bezugskind von anderen verhaltensauffälligen Jugendlichen? Sind die Probleme so schwerwiegend, oder gönnen wir ihm nicht einfach seine Jugendzeit mit einem etwas erhöhten Medienkonsum?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Onlinesucht hat mir gezeigt, dass wir schnell dazu neigen, zu dramatisieren und den Konsum nicht in einen logischen Zusammenhang mit der Realität stellen. Für meine Arbeit mit den Kindern/Jugendlichen hat es mir gezeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen – die Qualität des Konsums zu analysieren und systemisch zu arbeiten. Was unsere (mehr) gefährdeten Kinder und Jugendlichen aber nach wie vor stark benötigen, sind klare Rahmenbedingungen, Regeln, Anleitungen und Begleitungen im Umgang mit den Neuen Medien, damit Medienkompetenzen aufgebaut werden können, um so einen zusätzlichen Schutzfaktor für die Onlinewelt zu erwerben.

Abschliessend möchte ich erwähnen, dass man den Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen, welche familiäre, soziale, schulische und/oder persönliche Probleme aufweisen, auch positiv werten und dieser sehr wohl auch prosozialen Charakter aufweisen kann. So kann er positiv dazu beitragen, gewisse Dinge zu verarbeiten, Kompetenzen zu erlernen und aufzubauen.

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